Zivilrechtsklausur meistern: Die wichtigsten Tipps für 5 Stunden unter Zeitdruck

Fünf Stunden, ein komplexer Sachverhalt und unzählige mögliche Anspruchsgrundlagen: In der Zivilrechtsklausur reicht es nicht, juristisches Wissen parat zu haben. Du musst den Sachverhalt richtig erfassen, einen sinnvollen Lösungsweg finden und deine Schwerpunkte setzen.

Prof. Dr. Sebastian Martens zeigt dir in seinem Beitrag "5 Tipps für die Zivilrechtsklausur", worauf es dabei ankommt – von der sorgfältigen Sachverhaltsanalyse über eine gute Gliederung und das richtige Zeitmanagement bis hin zur Falllösungstechnik.

Du möchtest diese Fähigkeiten gezielt trainieren? Dann ist Examensvorbereitung Zivilrecht von Martens/Fernkorn die passende Ergänzung. Das Buch verbindet Falllösungstechnik mit einer Fallsammlung und wichtigen Standardproblemen aus den ersten drei Büchern des BGB.

 

5 Tipps für die Zivilrechtsklausur

von Prof. Dr. Sebastian Martens, M.Jur. (Oxon.), Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht, Römisches Recht, Europäisches Privatrecht und Europäische Rechtsgeschichte an der Universität Passau

1. It’s the reality, stupid!

Das Zivilrecht hat den Zweck, das Zusammenleben der Menschen zu regeln und zu erleichtern. Es ist in diesem Sinne das Recht des Alltags. Auch Klausuren schildern regelmäßig alltägliche Situationen; zumindest aus Sicht der Klausurersteller. Du sollst und musst dich in diese Situationen hineinversetzen und versuchen, möglichst gut zu verstehen, wer welche Interessen hat und welche Sachargumente für und wider die jeweils geltend gemachten Positionen sprechen. Sodann musst du diese Sachpositionen in das Recht übersetzen, d.h. überlegen, inwiefern sich aus den Interessen und Sachpositionen Ansprüche, Rechte oder andere Rechtspositionen ergeben können. In der Niederschrift deiner Lösung musst du immer beides darstellen und erklären, wie beides zusammenhängt: der Sachverhalt und deine rechtliche Würdigung eben dieses Sachverhalts. Formal erfolgt diese Darstellung im juristischen Gutachten regelmäßig im sogenannten Syllogismus: Die rechtliche Würdigung steht dabei als Obersatz vor dem Sachverhalt im Untersatz. Häufig reicht solch ein einfacher Syllogismus allerdings nicht aus. Dann musst du genauer erklären und begründen, warum Obersatz und Untersatz (nicht) zusammenpassen. Auf jeden Fall aber musst du den Sachverhalt hinreichend würdigen: It’s the reality, stupid, jedenfalls für die Dauer der Klausur!

2. Ja, mach nur einen Plan!

Eine Examensklausur ist kein Sprint, sondern eher ein ziemlich langer Marathon. Man kann sie nicht innerhalb weniger Minuten lösen und du solltest daher auch nicht beunruhigt sein, wenn du nicht auf Anhieb auf die Lösung kommst. Allerdings kann und muss man sich gut vorbereiten, damit man sich auf dem langen Weg nicht verläuft und sicher ins Ziel findet. Im Zivilrecht ist ein guter Plan besonders wichtig, aber auch besonders schwierig. Während es im Strafrecht nur wenige Aufbauschemata gibt, die kaum Variationen zulassen, und sich auch im Öffentlichen Recht einige Grundschemata allgemein für eine gute Orientierung ausreichen, so dass sie bloß auf die konkreten Umstände des Klausursachverhalts angepasst werden müssen, geht es im Zivilrecht darum, die Interessen und Argumente der Beteiligten in die Sprache der Normen zu übersetzen, und diese Übersetzung ist nie eindeutig und zweifelsfrei. Es gibt, jedenfalls in Examensklausuren immer mehrere Übersetzungsmöglichkeiten, d.h. vertretbare Lösungen, und vor allem verschiedene vertretbare Lösungswege. Eine zentrale Aufgabe in den Zivilrechtsklausuren ist es, einen dieser vertretbaren Lösungswege zu finden. Du sollst deshalb genügend Zeit, Mühe und Sorgfalt aufwenden, um deinen Weg ordentlich vorzubereiten und eine gute Gliederung zu entwerfen. In der Gliederung musst du auf alle Ansprüche bzw. Rechtsverhältnisse eingehen, die nach den Normen begründet sind; welche auf den ersten Blick naheliegenden, aber dann doch nicht erfüllten, Ansprüche usw. du ansprechen willst (bzw. sollen) muss dich die Erfahrung lehren. Du solltest auch die wichtigsten Probleme ausflaggen und dir notieren, wieviel du etwa jeweils dazu schreiben willst.

Besondere Sorgfalt solltest du auf das letzte Viertel der Klausur aufwenden. Eine Examensklausur dauert fünf Stunden, deine Konzentrationsfähigkeit nimmt ab und du kannst keine genialen Einfälle am Ende der Klausur mehr von dir erwarten. Rechne eher damit, dass du nicht ganz zurechnungsfähig und nur noch geleitet von deiner Gliederung gerade noch so durch das Ziel wanken kannst. Verschenke nicht auf den letzten Metern, was du dir vorher mühsam erarbeitet hast! Sichere dich gegen das Risiko eines geistigen Leistungsabfalls ab.

3. Time is money (oder Punkte)!

Fünf Stunden: Das klingt lang und ist doch allzu häufig (viel) zu kurz. Die Lösungsskizzen der LJPA sind nicht selten fast zwanzig Seiten lang, und auch wenn nicht alles, was dort steht, auch von dir zu schreiben verlangt wird: Du musst doch eine Menge schreiben, auf alles Wesentlich eingehen und durch eine gute Schwerpunktsetzung zeigen, dass du einen Sinn dafür hast, worauf es praktisch und juristisch wirklich ankommt. Hierfür braucht es neben einer guten Gliederung (dazu eben unter 2.) vor allem ein gutes Zeitmanagement! Übe dich deshalb darin, deine Gliederung mit einem Zeitplan zu versehen, in dem du zunächst für jede halbe Stunde einen Zielpunkt einträgst. Überprüfe dann spätestens nach der Hälfte der Klausur, ob du noch im Zeitplan bist. Wenn nicht, passe den Zeitplan und die geplanten Ausführungen an. Überprüfe von nun an alle halbe Stunde, wie du im Zeitplan liegst, und nimm ggf. Anpassungen vor. Wenn du so vorgehst, wirst du immer in der Zeit bis ins Ziel kommen und nie vorher in den Besenwagen steigen müssen.

4. Make no mistake!

Als Jurist musst du nichts besonders herausragend können. Wichtig ist stattdessen, nichts schlecht und das heißt: (möglichst) keine Fehler zu machen! Das klingt natürlich vor allem im Zivilrecht viel zu viel verlangt und ist es realistisch betrachtet wohl auch. Gleichwohl: Du solltest möglichst viel Richtiges schreiben und so viele Fehler wie möglich vermeiden. Insbesondere der Beginn einer Klausur sollte souverän aussehen. Der erste Eindruck zählt, auch beim Korrektor! Und es ist meist gar nicht so schwierig, einen guten ersten Eindruck zu machen. Denn die meisten Klausuren beginnen eher einfach, etwa mit der Prüfung eines Vertragsschlusses und/oder einem Standardproblem. Bereite dich gut auf die typischen Einstiege von Zivilrechtsklausuren vor. Meine nicht, dass das zu einfach sei und keiner Übung bedürfe. Wenn du dann im Examen zum ersten Mal so einen einfachen Einstieg wirklich ausformulieren musst, wirst du das zwar wahrscheinlich schon hinbekommen. Aber es wird (zu lange) dauern, du musst wahrscheinlich mehrfach ansetzen, etwas durchstreichen, machst vielleicht auch einen kleinen Fehler und wirst dich jedenfalls ganz unnötig so stressen, dass die Gefahr von Fehlern im Folgenden deutlich steigt.

Das Vermeiden von Fehlern darfst du nicht mit dem Vermeiden von Problemen verwechseln. In Zivilrechtsklausuren sind die Lösungen nie eindeutig und offensichtlich. Welche Lösung richtig ist, das ist das Problem! Es wäre ein Fehler, solchen Problemen auszuweichen. Man erwartet stattdessen von dir, dass du dich mit den verschiedenen möglichen Lösungsmöglichkeiten auseinandersetzt und dich dann mit einer methodisch korrekten Argumentation für eine Möglichkeit entscheidest. Eine solchermaßen methodisch korrekt begründete Lösung kann nie als Fehler gewertet werden. Lege daher bei der Examensvorbereitung einen Schwerpunkt auf die Klausurlösungstechnik und die Methodik!

5. Keep it simple!

Jura dient der Reduktion von Komplexität. Auch du solltest das bei der Lösung deiner Klausur stets beachten, die Dinge nicht unnötig verkomplizieren und alles möglichst einfach halten. Schreibe daher keine zu langen Sätze. Nutze möglichst keine Fremdwörter und verwende auch juristische Fachbegriffe nur dann, wenn es wirklich nötig ist (und dann natürlich auch richtig!). Schreibe zudem möglichst klar und jederzeit gut lesbar und verständlich! Deine Lösung sollte an jeder Stelle überzeugen. Idealerweise würde ein objektiver Leser jedem deiner Sätze ohne weiteres zustimmen. Die Richtigkeit deiner Ausführungen muss objektiv offensichtlich in dem Sinne sein, dass es kein vernünftiges Gegenargument mehr gibt. Natürlich solslt du auch nicht alles Offensichtliche schreiben; du musst ein Gefühl für die Grenze des Offensichtlichen und eine entsprechende Schwerpunktsetzung entwickeln. Die hohe Kunst besteht dann darin, auf dieser Grenze zu wandeln und das manchmal tatsächlich Schwierige einfach aussehen zu lassen. Ein paar Schwierigkeiten enthält nämlich wohl jede Examensklausur. Sei aber nicht zu misstrauisch und erwarte keine Fallen! Die LJPA wollen dich nicht ärgern oder austricksen, sondern nur deine methodischen Fähigkeiten testen. Je besser du die Falllösungstechnik und die Methodik beherrschst, desto einfacher wird die Lösung deshalb für dich!

 

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Stand: September 2026

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